Aktueller Kommentar Dr. Koch
250 Jahre „Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith:
Der Markt schafft Wohlstand. Wenn man ihn lässt.
Vor 250 Jahren spaziert ein schottischer Gelehrter durch eine Manufaktur nahe Glasgow. Fasziniert beobachtet er Arbeiter, die unablässig Drähte ziehen, zuschneiden, spitzen und Köpfe anbringen. Die Männer stellen Stecknadeln her – in erstaunlicher Geschwindigkeit. In seinem am 9. März 1776 in London erscheinenden Buch erklärt der schottische Moralphilosoph Adam Smith am Beispiel einer Nadelfabrik, dass ein einzelner ungelernter Arbeiter pro Tag vielleicht 20 Nadeln fertigen könne, während zehn spezialisierte Arbeiter zusammen 48.000 Nadeln am Tag herstellen. Diese Szene, fast anekdotenhaft, veranschaulicht das revolutionäre Prinzip der Arbeitsteilung, mit dem Smith die erste industrielle Revolution und den beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg der kommenden Jahrhunderte gedanklich untermauert.
Mit dem Erscheinen seines zweibändigen Werkes „An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations“ 1776, in deutsch kurz „Der Wohlstand der Nationen“ – im selben Jahr wie die amerikanische Unabhängigkeitserklärung – beginnt eine neue Ära wirtschaftlichen Denkens. Seit dieser Zeit diskutiert die Welt der Ökonomen ebenso wie die Welt der Politik über die gewaltigen Kräfte des Marktes und die „unsichtbare Hand“, die so viel klüger und erfolgreicher steuern kann als jede staatliche Planung. Ein zentrales Element dieser Erfolgsgeschichte ist die Nutzung des menschlichen Eigennutzes. Adam Smith schrieb: „Es ist nicht die „Menschenfreundlichkeit“ des Metzgers, Brauers oder Bäckers, die uns unser Abendessen sichert, sondern ihr eigenes Interesse.“
Zeiten beeindruckenden Wachstums und großer Herausforderungen
Diese Erkenntnisse prägen unser wirtschaftliches Denken bis heute Aus den Kräften des Marktes entsteht Wohlstand, dennoch finden sich immer wieder Protagonisten, die diese Erfahrung in Frage stellen wollen. Tatsächlich aber setzte mit der industriellen Revolution ab 1750 eine Phase anhaltenden Wirtschaftswachstums ein, durchschnittlich rund 1,5 Prozent pro Jahr und damit eine Vervielfachung der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung innerhalb von 250 Jahren. Nie zuvor waren Lebensstandard und Produktion so rasant gestiegen. So verdoppelte sich das Welt-Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Industriezeitalter alle etwa 50 Jahre. Der materielle Wohlstand wuchs entsprechend. Auch die Armut ging langfristig dramatisch zurück. Lebten um 1820 noch geschätzt über 90 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, so waren es 2015 weniger als zehn Prozent. Möglicherweise ist gerade die Beseitigung von Armut die größte aller Leistungen des modernen Kapitalismus.
Allerdings hatte der zunächst ungezügelte Kapitalismus jener Zeit auch seine Schattenseiten. Monopole und Kartelle entstanden, die den Wettbewerb verzerrten. Fabrikarbeit war oft geprägt von Ausbeutung, Kinderarbeit und fehlenden Arbeitnehmerrechten. Der Mythos der „unsichtbaren Hand“ schien alles zu rechtfertigen, weil ein freier Markt automatisch Gutes bewirke. Besonnene Liberale begannen daher, über die „andere Hand“ nachzudenken – die „fordernde“ oder „sichtbare Hand“ des Staates, die den Markt rahmt und zähmt, damit Freiheit nicht in Widerstand umschlägt. Adam Smith selbst hatte diese Spannung analysiert: In „The Theory of Moral Sentiments" (1759) betonte er, dass Märkte nur dann dem Gemeinwohl dienen, wenn sie auf Vertrauen, Fairness und moralischen Normen gründen — und warnte ausdrücklich vor Monopolen, Kaufmannsinteressen und staatlicher Vereinnahmung. Auch die deutsche Historische Schule, mit ihrer sozialethischen Analyse des Wirtschaftslebens, trug diesen Gedanken auf ihre Weise weiter — und beeinflusste damit ihrerseits das Ordnungsdenken auch in Deutschland.
Die ordoliberale Wende
1938 fand in Paris das einflussreiche Kolloquium Walter Lippmann statt. Dieses Treffen liberaler Denker – darunter deutsche Ökonomen wie Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow und Walter Eucken – suchte nach einem Weg, den Liberalismus zu erneuern und vom kompromisslosen Manchester-Kapitalismus abzusetzen. Auf dieser Konferenz fiel erstmals der Begriff „Neoliberalismus“ in seinem ursprünglichen Sinne, als neuer Liberalismus mit ordnenden Prinzipien. Diese Ideen legten den Grundstein für die ordoliberale Denkschule im deutschsprachigen Raum, die eine „freie“ Marktwirtschaft mit klaren Ordnungsrahmen verbinden wollte.
Ludwig Erhard und die Soziale Marktwirtschaft: Ordnung und Freiheit
Es ist einer der Glücksfälle der deutschen Geschichte, dass die ordoliberalen Ideen nach 1945 politische Wirklichkeit wurden. Ludwig Erhard, ein wirtschaftsliberaler Denker und Nachkriegs-Wirtschaftsminister, verkörperte mit seiner Politik der Sozialen Marktwirtschaft diese Synthese aus Markt und sozialer Verantwortung. Beraten von Ordoliberalen wie Walter Eucken und Alfred Müller-Armack, verkündete Erhard 1948 nach der Währungsreform das Ende der Zwangsbewirtschaftung und den Übergang zur freien Marktwirtschaft. Seine mutige Entscheidung, Preiskontrollen über Nacht aufzuheben, ließ binnen Tagen die zuvor leeren Läden Westdeutschlands sich wieder füllen. Binnen sechs Monaten stieg das Pro-Kopf-Einkommen in den Westzonen von 50 auf 80 Prozent des Vorkriegsniveaus. Diese rasche Erholung markierte den Beginn des sogenannten Wirtschaftswunders.
Der Staat setzt den Rahmen für die Marktwirtschaft, vom Schutz des Eigentums über Vertragsrechte bis zu unabhängiger Justiz und Geldwertstabilität. Eine aktive Ordnungspolitik – wie im Ordoliberalismus gefordert – korrigiert Marktversagen und garantiert, dass der Wettbewerb fair und dem Gemeinwohl verpflichtet bleibt.
Der Wettbewerb der Systeme ist nicht zu Ende
Heute erleben wir einen neuen, womöglich härteren Systemwettbewerb als jemals zuvor. Das bislang so erfolgreiche westliche Modell sieht sich herausgefordert von autoritärem Staatskapitalismus, allen voran durch die Großmacht China. Peking will demonstrieren, dass Kapitalismus auch ohne Demokratie funktioniert. Unter Einparteienherrschaft kombiniert China Marktdynamik mit strenger staatlicher Lenkung – wirtschaftlicher Erfolg ohne politische Freiheit. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob westliche Werte wie individuelle Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit im 21. Jahrhundert global noch unangefochten bleiben.
Unsichtbare und fordernde Hand: Ein optimistischer Ausblick
Trotz aller Herausforderungen bleibt Adam Smiths Erbe eine zentrale Grundlage für das Zusammenspiel von Marktwirtschaft und Demokratie. Seine Ideen haben sich als erstaunlich tragfähig erwiesen, gerade weil sie im Kern auf das Potenzial des Menschen zur Freiheit und Selbstverantwortung setzen. In Deutschland und Europa hat diese Balance einen Namen: Soziale Marktwirtschaft.
Die Lektion aus 250 Jahren Kapitalismus lautet, dass wir die Vorteile einer möglichst freien Marktwirtschaft – Wettbewerb, Innovation, Effizienz– mit den Prinzipien der Demokratie versöhnen können. Das erfordert permanente Anpassung an neue Herausforderungen, sei es durch kluge Regulierung im Digitalzeitalter, durch globale Absprachen für fairen Handel oder durch neue Antworten auf den Klimawandel und die soziale Ungleichheit.
Trotz mancher Krisen sehe ich die Zukunft optimistisch. Die Werte Freiheit und Teilhabe, die Smiths Denken durchzogen, haben Demokratien wirtschaftlich stark gemacht. Sie sind auch künftig unsere besten Verbündeten. Wenn Eigeninteresse und Gemeinwohl, Markt und Staat im richtigen Gleichgewicht stehen, dann gilt auch heute noch, was Ludwig Erhard so pointiert, formulierte: „Je freier eine Wirtschaft ist, desto sozialer ist sie.“ Mit dieser Überzeugung kann die unsichtbare Hand des Marktes – flankiert von der fordernden Hand einer klugen Ordnungspolitik – auch die nächsten 250 Jahre im Dienst von Wohlstand und Demokratie wirken. Ich wünschte mir, unsere gesamte Regierung würde diesen Optimismus teilen.