Aktueller Kommentar von Dr. Koch

Innovation ohne Begeisterung und Risikobereitschaft gibt es nicht 

Heute endet die Hannover Messe. Unter dem Leitmotiv „Think Tech Forward“ steht sie 2026 für einen technologischen Wendepunkt der Industrie. Im Mittelpunkt steht Künstliche Intelligenz, längst mehr als ein Trend. In den Hallen wird sichtbar, wie generative KI und autonome Robotik Fabriken steuern und Prozesse schneller und zugleich effizienter machen. 

Wir sind nicht mehr an der Spitze 

Die Hannover Messe verdankt früheren Messe-Generationen, dass sie noch immer als weltweite industrielle Leitmesse gilt. Bei Künstlicher Intelligenz (KI) liegt Deutschland jedoch nur im oberen Mittelfeld und wird meist auf Rang 7 bis 8 geführt, während die USA und China vorn sind. Der Kontrast frustriert, denn in der Forschung gehören wir zur Weltspitze, setzen Durchbrüche aber zu selten in global erfolgreiche Produkte um. Während in den USA Milliardenbeträge in Start-ups fließen, ist Wagniskapital hier deutlich knapper. 

Die Skepsis gegenüber KI ist zum strukturellen Wettbewerbsnachteil geworden, so wie es schon bei der Gen- oder Atomtechnik erlebt haben. Obwohl Deutschland in der Forschung stark ist, bremsen gesellschaftliches Misstrauen und regulatorische Bedenken die wirtschaftliche Umsetzung. Diese Haltung in Bevölkerung und Politik verlangsamt den Transfer aus den Laboren in den Alltag. In einer Ära, in der binnen Wochen wegweisende Neuerungen auf den Markt gelangen können, wirkt deutsche Gründlichkeit und Risikoangst wie ein Bremsklotz. 

Das Zögern als Innovationsbremse 

Viele halten umfassende Regeln für selbstverständlich, obwohl nicht jede Aktivität gefährlich ist. Während Unternehmer in den USA oder China nach „Trial-and-Error“ vorgehen und „erst mal machen“, dann optimieren, führt Deutschland Neues oft erst ein, wenn alle Risiken weitgehend geklärt sind. KI lernt jedoch durch Anwendung. Wer aus Skepsis wartet, verpasst die Lernphase; wenn deutsche Unternehmen starten, haben Konkurrenten ihre Algorithmen längst mit Millionen Nutzerdaten verfeinert und Standards gesetzt.  

Wir alle können es spüren. Technik-Skepsis schafft ein Klima der Unsicherheit. Wenn Gründer das Gefühl haben, dass ihre Ideen in Deutschland eher auf regulatorische Hürden und gesellschaftliches Misstrauen stoßen als auf Begeisterung, wandern sie ab. Die deutsche Zurückhaltung sorgt dafür, dass hiesige Start-ups oft unterfinanziert bleiben, weil Investoren befürchten, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für das Geschäftsmodell fehlt. 

Die Falle der digitalen Souveränität 

Digitale Souveränität ist so zu einer Herausforderung geworden. Wer Technologien aus moralischen oder sicherheitsrelevanten Bedenken nicht selbst entwickelt, wird zum reinen Konsumenten. Da KI-Systeme jedoch längst die Arbeitswelt, die Medizin und die Verwaltung revolutionieren, ist Deutschland gezwungen, diese Systeme von US-amerikanischen oder chinesischen Anbietern zu kaufen. Damit importiert man nicht nur die Technik, sondern auch deren Werte und Standards. Heute müssen wir aber zugeben, dass für die nächste Zukunft ein Wiedergewinnen von Stärke nur durch die Nutzung zumindest der US-Systeme möglich sein wird. Das ist unsere eigene Schuld. Wenn wir jetzt „bockig“ auf ausländische Systeme verzichten, wird der technologische Abstand nicht kleiner, sondern größer werden. 

Regulierung und Angst bremsen das Tempo 

In der deutschen Debatte dominiert oft die Frage, was schiefgehen könnte, während in den USA oder Asien stärker zählt, was möglich wird. Das führt dazu, dass Unternehmen Projekte schon in der Pilotphase stoppen, weil rechtliche Details oder ethische Grauzonen nicht bis ins Letzte geklärt sind. In einer Technologie mit exponentiellem Tempo kann schon ein Jahr Abwarten den Anschluss an die globale Marktführerschaft kosten. 

Deutschland ist stolz auf hohe Datenschutzstandards, doch im KI-Wettbewerb scheitern wir an Übertreibungen. Weil KI-Modelle riesige Datenmengen brauchen, geraten Entwickler in Konflikt mit strengen DSGVO-Auslegungen. In der EU entstehen zudem Regeln, die die KI-Steuerung von Maschinen ähnlich behandeln wie Entscheidungen, die Menschen direkt betreffen. Die Folge ist erneut, dass innovative Start-ups abwandern oder ihre Modelle mit Daten aus dem Ausland trainieren. 

Die Skepsis zeigt sich besonders im Mittelstand. Viele Betriebe zögern, KI-Tools in Abläufe zu integrieren, aus Sorge um Datensicherheit oder Widerstand in der Belegschaft. So entsteht eine Innovationslücke, denn Beschäftigte in anderen Ländern lernen bereits, KI als „Co-Piloten“ zu nutzen und produktiver zu werden, während dieses Potenzial hier oft ungenutzt bleibt. 

Was jetzt nötig ist 

Damit Deutschland den Anschluss an die Weltspitze nicht nur hält, sondern mitgestaltet, müssen Politik und Verwaltung vom bloßen Regulator zum mutigen Ermöglicher und Vorbild werden. Es geht nicht nur um einzelne Gesetze, sondern um eine grundlegende Neuausrichtung staatlichen Handelns. 

Der Staat als Anwender 

Der wichtigste Schritt wäre, dass die öffentliche Verwaltung selbst zum größten Kunden deutscher KI-Lösungen wird. Sie sollte die neuen Regeln für einheitliche Datenschnittstellen nutzen und auch jungen, oft kleinen Unternehmen Aufträge geben. So wird die Verwaltung effizienter, und heimische KI-Firmen erhalten die nötigen Referenzprojekte, um international zu bestehen. 

Daten aus den Silos holen 

Daten sind der Treibstoff der KI, doch in Deutschland liegen sie oft ungenutzt in „Datensilos“. Politik sollte den Zugriff auf anonymisierte, hochwertige Daten aus Verwaltung und Industrie deutlich vereinfachen. Ziel ist ein Daten-Ökosystem, in dem Forscher und Start-ups unter sicheren Bedingungen trainieren können, ohne an Bürokratie zu scheitern. Im Gesundheitswesen gibt es dafür bereits Regeln, in anderen Bereichen fehlen sie. Es geht nicht darum, Datenschutz aufzugeben, sondern ihn so offen auszulegen, wie es das EU-Recht zulässt. 

Mehr Freiheit bei KI für Maschinen 

Die KI-Anwendung im Dialog mit Menschen muss grundsätzlich von der KI in Maschinen und ihren Komponenten sowie ihrem Training getrennt werden. Dazu besteht bei den anstehenden Änderungen im KI-Act der EU gerade eine gute Gelegenheit, allerdings läuft es derzeit auch wieder in die wenig zukunftsträchtige Richtung „Vorsicht“. Für den deutschen Maschinenbau ist diese Änderung der bestehenden Regulierung fast eine Überlebensfrage.  

Schaffung von „Freiräumen für Fehler“ 

Innovation braucht Platz zum Scheitern. Die Politik sollte schnell das Recht für Reallabore beschließen – also rechtliche Schutzzonen, in denen KI-Anwendungen unter realen Bedingungen getestet werden können, bevor jede einzelne Regulierung des EU AI Acts greift. Solche „Sandboxes“ würden es Gründern erlauben, Geschwindigkeit aufzunehmen und Investoren die Sicherheit geben, dass ihre Projekte nicht im frühen Stadium an juristischen Unsicherheiten zerbrechen. 

Nichts ist verloren. Aber vieles muss sich ändern. So auch in der Frage des Mutes zu wirklicher Erneuerung.  Der legendäre 2011 verstorbene Apple-Mitgründer Steve Jobs hat das so formuliert: "Innovation ist die Fähigkeit, Veränderungen als Chance zu sehen, nicht als Bedrohung." Aus Lebenserfahrung wissen wir: Angst ist kein guter Ratgeber.