Warum Wohlstand nicht genügt – und Demokratien gerade deshalb gefährdet sind
Warum Wohlstand nicht genügt – und Demokratien gerade deshalb gefährdet sind
Bitte erlauben Sie mitten im heißen Sommer, dass ich Sie mit sehr grundsätzlichen Erwägungen konfrontiere, die aber keineswegs weit entfernt von unseren ganz aktuellen Sorgen sind. Wir sehen in diesen turbulenten Wochen, dass jede Veränderung immer sofort wieder im Streit und im Risiko steht. Die Rentendebatte dieser Stunden ist ein gutes Beispiel. Es lohnt sich, etwas grundsätzlicher nach den Ursachen zu suchen.
Moderne Demokratien enttäuschen ihre Nutznießer
Moderne Demokratien stehen vor einem paradoxen Problem. Sie sind erfolgreicher denn je in dem, was sie erreichen wollten: Frieden, Wohlstand, rechtliche Gleichheit. Und doch wächst in vielen dieser Gesellschaften die Unzufriedenheit. Populistische Bewegungen, autoritäre Versuchungen und eine erstaunliche Lust an der politischen Eskalation entstehen nicht am Rand der Armut, sondern im Zentrum des Wohlstands. Das wirft eine unbequeme Frage auf: Liegt die Gefahr für Demokratien heute weniger im Mangel als in der Sättigung?
Um diese Frage nicht oberflächlich und tagesaktuell zu beantworten, lohnt ein Blick auf drei Denker, die selten zusammengelesen werden, aber genau hier eine gemeinsame Perspektive haben: Hegel, Nietzsche und Francis Fukuyama.
Hegel, Nietzsche und Fukuyama – ein intellektueller Ausflug
Hegel ist der Ausgangspunkt. Mit ihm verbindet sich die berühmte Idee eines „Endes der Geschichte“, die Fukuyama vor fast 40 Jahren neu aufgenommen hatte. Gemeint ist kein Stillstand der Ereignisse, sondern ein Zustand, in dem die grundlegenden Fragen politischer Ordnung entschieden sind. In den modernen Verfassungsstaaten – mit individueller Freiheit, Rechtsgleichheit und politischer Teilhabe – sieht Hegel die historische Lösung des zentralen Problems der Menschheit, nämlich der individuellen Anerkennung. Menschen wollen nicht nur leben, sie wollen als freie und rechtlich gleiche Personen anerkannt werden. Die Geschichte ist für Hegel wesentlich eine Abfolge von Kämpfen um diese Anerkennung. Wo sie institutionell gesichert ist, verliert der Kampf seinen existenziellen Charakter.
Das ist eine sehr optimistische Erzählung. Sie unterstellt, dass Menschen, wenn sie erstals Gleiche anerkannt sind, im Wesentlichen zufriedene und loyale Gesellschaftsmitglieder werden. Das ist aber nicht unsere Erfahrung. Genau hier setzt die Skepsis an – zuerst bei Friedrich Nietzsche. Seine Figur des „letzten Menschen“ ist eine radikale Infragestellung des hegelschen Optimismus. Nietzsche beschreibt einen Menschen, der in Frieden und Wohlstand lebt, aber innerlich erschöpft ist. Alles ist sicher, alles ist bequem, alles ist gleich – und genau das wird unerträglich. Der letzte Mensch will keinen Einsatz mehr, kein Risiko, keinen Ehrgeiz. Er hat „das Glück erfunden“, sagt Nietzsche spöttisch, und blinzelt dabei. Was fehlt, ist Spannung, Überwindung, Sinn.
Wohlstand reicht nicht
Nietzsches Pointe ist unbequem: Der Mensch ist nicht zufrieden, wenn alle Bedürfnisse befriedigt sind. Im Gegenteil. Gerade dann beginnt er, sich selbst zu langweilen. Der Wunsch nach Überlegenheit, nach Besonderheit, nach Bedeutung verschwindet nicht, wenn Gleichheit erreicht ist. Er sucht sich neue Ausdrucksformen – notfalls auch destruktive.
An dieser Stelle werden Francis Fukuyamas Gedanken interessant. Sein Buch „The End of History and the Last Man“ wird oft als naive Siegeserzählung missverstanden. Tatsächlich steht Nietzsches „letzter Mensch“ bereits im Titel – nämlich als Warnung. Fukuyama greift Hegels Anerkennungsgedanken auf, verbindet ihn aber mit einer Sicht auf den Menschen, die er aus der antiken Philosophie bezieht. Er nutzt den Begriff des Thymos. Neben Vernunft und Bedürfnissen besitzt der Mensch einen dritten Antrieb – Stolz, Ehrgeiz, das Verlangen nach Anerkennung.
Die Vertreter der modernen Demokratie sind stolz, wie sie mit den Phänomenen Vernunft und Bedürfnissen so gut umgehen. Sie sichern persönliche Rechte, Wohlstand und Gleichheit. Doch die so geprägten Gesellschaften - auch wir in Deutschland - tun sich schwer mit dem Thymos. Denn gleiche Anerkennung für alle empfinden viele als unzureichend. Sie wollen nicht nur gleich sein, sie wollen mehr gelten. Fukuyama unterscheidet deshalb zwischen einer Anerkennung als Gleicher (Isothymie) und dem Wunsch, als überlegen anerkannt zu werden (Megalothymie). Letzterer verschwindet nicht in liberalen Gesellschaften. Er wird nur politisch heikel.
Wenn alles geregelt ist und nichts mehr zählt
Genau hier liegt der neuralgische Punkt der Gegenwart. In vielen wohlhabenden Demokratien ist das Gefühl verbreitet, dass „eigentlich alles geregelt“ ist – und dass gerade deshalb nichts mehr zählt. Die großen Kämpfe scheinen entschieden, die Unterschiede nivelliert, die Risiken abgesichert. Was folgt, ist nicht Dankbarkeit, sondern Unruhe. Menschen rebellieren nicht, weil sie zu wenig haben, sondern weil sie zu wenig Bedeutung empfinden. Populistische Bewegungen versprechen genau das: Wieder Stolz, wieder Überlegenheit, wieder klare Hierarchien. Sie bieten Ersatzbefriedigungen für einen Thymos, der in der liberalen Ordnung keinen überzeugenden Ort mehr findet. Da sind wir dann möglicherweise mitten in den Wahlkämpfen der östlicheren Bundesländer.
Fukuyama hat diese Entwicklung in den letzten Jahren selbstkritisch nachgezeichnet. Sein neuestes Buch erscheint in diesen Tagen. Die Annahme, der Kapitalismus werde Ehrgeiz und Machtstreben automatisch in harmlose Bahnen lenken, hat sich als trügerisch erwiesen. Gewählte Repräsentanten wie Donald Trump zeigen, dass ökonomischer Erfolg politisches Machtstreben nicht neutralisiert, sondern befeuern kann. Die liberale Demokratie ist nicht am Ende der Geschichte angekommen, sondern nur in eine neue Phase eingetreten. Sie muss sich gegen die inneren Nebenwirkungen ihres eigenen Erfolgs behaupten.
Erzählungen von Sinn, Leistung und Verantwortung gesucht
Was folgt daraus? Zunächst die ernüchternde Einsicht, dass Demokratien nicht darauf setzen können, dass Stabilität und Wohlstand Loyalität garantieren. Wer glaubt, Sicherheit reiche aus, unterschätzt den Menschen. Demokratie braucht mehr als Verwaltung des Status quo. Sie braucht Erzählungen von Sinn, Leistung und Verantwortung, die über bloßen Konsum hinausgehen.
Zweitens müssen liberale Gesellschaften lernen, mit dem menschlichen Wunsch nach Bedeutung produktiv umzugehen. Nicht jede Form von Ehrgeiz ist gefährlich. Gefährlich wird er dort, wo er nur noch gegen die Gleichheit selbst ausgelebt werden kann. Demokratie braucht Räume, in denen Anerkennung durch Leistung, Engagement und Beitrag zum Gemeinwesen erfahrbar wird – ohne in autoritäre Hierarchien zurückzufallen.
Und schließlich müssen wir lernen, dass Resilienz kein Zustand ist, sondern ein Prozess. Eine Demokratie, die sich für „fertig“ hält, beginnt zu erodieren. Hegel hat Recht behalten, dass Freiheit und Anerkennung zentrale Errungenschaften sind. Nietzsche hat ebenso Recht behalten, dass Menschen mit ihrer bloßen Existenz nicht zufrieden sind. Fukuyama zeigt, dass beide Einsichten zusammengehören.
Die größte Gefahr ist die Selbstzufriedenheit
Die größte Gefahr für die Demokratie ist heute nicht ihr Scheitern an äußeren Gegnern, sondern ihre Selbstzufriedenheit. Wer den Menschen nur als Sicherheits- und Wohlstandswesen versteht, überlässt sein Bedürfnis nach Sinn und Anerkennung denen, die einfache, oft illiberale Antworten geben. Die Aufgabe moderner Demokratien besteht deshalb darin, Unruhe nicht zu unterdrücken, sondern zu zivilisieren – und den Ehrgeiz der Bürger nicht gegen die Ordnung wirken zu lassen, sondern für sie.
Wir werden in den nächsten Monaten herausgefordert sein, über diese Fragen zu sprechen. Auf diesem Boden wäre das fruchtbarer, als sich an den jeweils neuesten Schlagzeilen von Brandmauer bis Kanzlertausch zu ergötzen.